Grundbegriffe des Dramas

 

GRUNDBEGRIFFE ZUM DRAMA
 
1.       Textart: Im Bereich der fiktionalen Literatur unterscheiden wir drei Textarten/Großgattungen: DRAMA, EPIK, LYRIK. Die Zugehörigkeit eines Textes zu einer dieser Textarten zu bestimmen, bedeutet, die Art seiner Darbietung zu ermitteln.
„Wo uns etwas erzählt wird, da handelt es sich um Epik, wo verkleidete Menschen auf einem Schauplatz etwas agieren, um Dramatik, und wo ein Zustand empfunden und von einem 'Ich' ausgesprochen wird, um Lyrik“ (Kayser).
2.    DRAMA
2.1.   Textgrundlage: Man unterscheidet im schriftlich fixierten Dramentext:
- Haupttext: die Figurenrede; die gesprochenen Äußerungen der Figuren
Nebentext: die in der Realisierung des Stücks auf der Bühne nicht gesprochenen Textteile wie Titel, Widmungen, Markierung des Sprechers sowie Regie- und Bühnenanweisungen.
Diese werden in der Regel auf der Bühne realisiert (Gestik, Mimik, Bühnenbild usw).
2.2.      Charakterisierende Merkmale:
Das Drama reproduziert fiktionale Wirklichkeit durch die Medien
Raum: Bühne, szenische Darbietung
Aktion: Handlung, Rollenspiel, Akteure
Sprache: Figurenrede, nichtverbale Kommunikation (Gestik, Mimik)
 
2.2.1.    RAUM: Die Handlung wird nicht - wie in erzählender Dichtung - durch einen Erzähler vermittelt, sondern von den handelnden Figuren vor den Augen des Publikums vollzogen (Fehlen der Erzählfunktion). Dadurch wird dem Zuschauer ein direktes äußeres und inneres Mitgehen ermöglicht. Es entsteht der Eindruck unmittelbarer Gegenwärtigkeit. Dabei überlagern sich drei Zeitebenen: das Dargestellte, der Prozeß der Darstellung und der Rezeptionsvorgang erscheinen gleichzeitig, ohne zeitliche und räumliche Distanz.
2.2.2.    AKTION: Sie ist vorwiegend durch die Darstellung eines Konfliktgeschehens gekennzeichnet, womit
 
a) die innerdramatische Bestimmung eines Handlungsablaufs,
b)     ein wie auch immer vermitteltes (Spiegel)bild realer Konflikte bezeichnet wird.
Der dramatische Konflikt kann dabei auf verschiedene Weise entstehen:
 
Zusammenstoß widersprüchlicher gesellschaftlicher Kräfte, Kampf zweier Parteien oder
Personen um politische Macht oder um die Gunst einer dritten Person.
äußerer Konflikt:
innerer Konflikt: Widerstreit zweier entgegengesetzter Forderungen realer oder moralischer Natur in einer Person
In der Kollision mit verschiedenen Anforderungen oder Parteien wird die Hauptfigur vor Entscheidungen gestellt, die zu neuen Verwicklungen fuhren und erst am Ende des Stücks ihre Auflösung erfahren, z.T. auch über die vorgeführte Handlung hinaus andauern, (s. Brecht, Der gute Mensch von Sezuan).
2.2.3.   SPRACHE: Das Drama wird durch seine dialogische Handlungs- und Figurenkonzeption (nur durch Szenenanweisungen unterbrochen) gekennzeichnet. Die Handlung kann sich - im Gegensatz zu epischen Texten - nur durch die direkte Rede der Dramenfiguren konstituieren.
Wir unterscheiden:
Dialog: die von zwei oder mehr Figuren abwechselnd geführte Rede und Gegenrede
Stichomythie: „Zeilenrede“, Sonderform des Dialogs, die schnelle zeilenweise zwischen den verschiedenen Personen wechselnde Rede und Gegenrede in einem längeren Dialog, die zur schärfsten Gegenüberstellung in einem erregten Wortwechsel und geistiger Auseinandersetzung dient.
Monolog Selbstgespräch, Äußerungen einer sind nicht an ein Gegenüber gerichtet, da die Figur allein auf der Bühne ist oder sich allein glaubt oder wenn die übrigen Anwesenden von der Rede keine Notiz nehmen. Monologe können verschiedene Funktion haben:
- „epischer Monolog“ teilt dem Zuschauer auf der Bühne nicht dargestellte Vorgänge mit,
- „lyrischer Monolog“ offenbart die seelische Gestimmtheit einer Figur, dient der Selbstcharakterisierung der sprechenden Figur,
-“Reflexions-Monolog“ vermittelt das Reflektieren der Figuren über ihre Situation -“dramatischer Monolog“ zeigt in einer Konfliktsituation das innnere Ringen des Helden um eine für den Verlauf der Handlung bedeutende Entscheidung.
Die Darstellung vollzieht sich jedoch nicht nur durch das Medium 'Sprache'. Da der dramatische Text auf theatralische Realisierung angelegt ist, bedient sie sich auch außersprachlicher akustischer (Geräusche) und optischer Codes (Gestik, Mimik, Bühnenbild) zur Information und Rezeption.
2.2.4.   Ein weiteres Merkmal des Dramas ist die Kollektivität von Produktion und Rezeption. Ein Drama wird (in seiner Bühnenrealisation) in der Regel weder von einem einzelnen Menschen produziert, noch von einem Einzelnen allein rezipiert. Die Zuschauerreaktionen im Theater erfolgen unmittelbar, treten immer in der Masse auf, verstärken oder korrigieren sich gegenseitig. Diese Möglichkeiten der Öffentlichkeit macht gerade dramatische Literatur auch zum Träger von Lehrabsichten, (s. Lessing, Schiller, Brecht)
3. Die STRUKTUR des DRAMAS
3.1.      Handlungsgliederung:
Akt oder Aufzug: ein in sich geschlossener, deutlich abgesetzter Handlungsabschnitt im Drama, der der inneren, sinnvollen Gliederung des Handlungsablaufs dient.
Szene: Unterabteilung des Aktes, äußerlich begrenzt durch das Auf- und Abtreten von Figuren oder einen Schauplatzwechsel. Sie dient vorwiegend bühnentechnischen Zwecken (Umbauten usw.), nicht so sehr der logischen Gliederung der Dramenhandlung.                                                               (s. aber: offenes Drama)
3.2.      Bauelemente
3.2.1.   Mittel der dramatischen Sukzession:
verbale, optische, akustische Kennzeichnung von Tages-, Jahreszeit
räumliche, zeitliche Veränderung
Auftreten und Abtreten der Figuren
3.2.2.     Vorgriff.
direkte Ankündigung: durch vorausdeutende Vorkommnisse wie Schwur, Prophezeihung, Formen der Ankündigung wie Monolog, Beiseitesprechen, Prolog, Publikumsanrede,
indirekte Andeutung: durch andeutende Vorkommnisse wie Träume, auf das Milieu bezogene Dinge, Requisiten (Symbol!), Bühnenbild, Geräusche, Lieder (antiker Chor, Songs)
3.2.3.   Rückgriff:
A) nachgeholte Dramenhandlung: Ereignisse, die während des Stücks, aber außerhalb des dramatischen Schauplatzes und Vorgangs geschehen
- Mauerschau (Teichoskopie): ein Beobachter berichtet den Anwesenden über ein gleichzeitig stattfindendes Ereignis, das nur er selbst sehen kann (Blick über eine Mauer),
 Botenbericht: ein Augenzeuge berichtet den Anwesenden über ein schon zurückliegendes Ereignis,
- Brief:
b) nachgeholte Vorgeschichte: Ereignisse vor Beginn des Stücks
rückgreifende Vorkommnisse wie Heimkehr, Gerichtsszenen
Formen wie Exposition am Stückanfang, Binnenexposition innerhalb des Stücks;
Innerhalb des Stücks spricht man auch von „handlungsinterner Exposition“, außerhalb von „handlungsexterner Exposition“ (= Prolog)
3.3.      Handlungstypen:
3.3.1. KONFLIKTDRAMA (ZIELDRAMA):
Das Geschehen entwickelt sich aus der Vorgeschichte (dargestellt in der Exposition) und strebt folgerichtig und kausal verknüpft einem von den Akteuren selbst herbeigeführten Ausgang (gewaltsam oder versöhnlich) zu. Aristoteles (griech. Philosoph) nennt als wichtigste Stufen der Tragödienhandlung:
Exposition: Einleitung, Vorstellung der Charaktere und ihrer Situation, Vorgeschichte
Peripetie: Höhepunkt, Umschwung, entscheidende Wende im Konflikt
Katastrophe: Lösung des Konflikts
Gustav Freytag entwickelte in Anlehnung daran ein 5-stufiges Pyramidenmodell, das den 5 Akten des klassischen Dramas entsprach:
III Peripetie
 

                                                      II steigende Handlung                                      IV fallende Handlung

                                                        I Exposition                                                                                             V Katastrophe, Lösung
3.3.2. ANALYTISCHES DRAMA (ENTDECKUNGSDRAMA):
Das entscheidende Ereignis liegt bereits vor Beginn des Stückes. Die dramatische Handlung besteht hier wesentlich in der Aufdeckung von bereits Geschehenem. Der Handlungsablauf ist dabei von einer gegenläufigen Bewegung bestimmt: im fortschreitenden Rückschreiten wird eine vergangene Handlung bis zu ihrer restlosen Aufklärung enthüllt. Das nachklassische Drama löst sich immer mehr von diesem Schema (s. Einakter, Szenenfolge usw.)
3.4. Formtypen: Sie sind als Idealtypen anzusehen. In der Realität gibt es Mischformen, die Elemente beider Typen enthalten. Die Gestaltung des dramatischen Stoffs in „geschlossener“ oder „offener“ Form beruht auf einer bestimmten Weltsicht und Weise der Wirklichkeitsrezeption.
 
3.4.1.   GESCHLOSSENES DRAMA: „Ausschnitt als Ganzes“
HANDLUNG: Es gibt eine eindeutige Haupthandlung, die linear und kontinuierlich durchgeführt ward und in sich kausal verknüpft ist: eine Szene geht folgerichtig aus der anderen hervor. Da sich die Wiedergabe auf die Endphase und den Höhepunkt einer Entwicklung beschränkt, die sich schon lange vor Beginn des Dramas anbahnte, erscheint der gewählte Ausschnitt als in sich geschlossenes Ganzes. Der Ausschnitt verliert seinen Teilcharakter. Was außerhalb der Handlung liegt, wird durch indirekte Darstellung (Botenbericht, Mauerschau) hereingeholt.
ZEIT und RAUM: Die Einheit und Ganzheit der Handlung resultiert vor allem aus der Beschränkung des dramatischen Vorgangs auf eine knappe Raum-Zeit-Geschehnissphäre. Der kontinuierliche Ablauf des Geschehens fordert eine knappe, nahezu ununterbrochene Zeiterstreckung. (weitgehende Kongruenz von Spielzeit und gespielter Zeit). Die Einheit der Zeit wird erst durch die Einheit des Ortes ermöglicht, da im Drama mit jedem Ortswechsel eine Unterbrechung der Zeitkontinuität verbunden ist. Der Raum als neutraler Rahmen des Geschehens ist Zeichen für eine im Grunde überschaubare, in sich sinnvolle Welt trotz möglicher Krisen.
PERSONEN: Der Personenkreis ist zahlenmäßig und ständisch beschränkt auf Personen hohen Standes als Hauptfiguren. Diese verfügen souverän über die Sprache. Ihrem hohen Bewußtseinsgrad entsprechend erscheinen sie als mündige Persönlichkeiten. Die Hauptfigur (Protagonist) und ihr Gegenspieler (Antagonist) sind gleichberechtigte Gegner. Nebenfiguren (Diener, Vertraute) können häufig als „Abspaltungen“ der Hauptfiguren angesehen werden, so daß Überlegungen des Protagonisten als Dialog mit seinem Vertrauten gestaltet werden können.
SPRACHE: Die ständische Beschränkung führt zu einer einheitlichen Sprache aller Figuren (hoher und formaler Stil, Vers, Pathos, Sentenzen, rhetorischer Bau der Reden). Im Dialog tauschen Figuren mit gleichen Ausdrucksmöglichkeiten ihre von Reflexion geprägten Argumente aus, sinnfällig durch hypotaktischen Satzbau oder stichomythische Rededuelle.
KOMPOSITION: Oberstes Prinzip ist die Symmetrie sowohl beim Handlungsaufbau (pyramidale Struktur der 5 Akte) als auch bei der Personenkonstellation. Der Akt ist die Formeinheit, Szenen haben nur geringes Eigengewicht.
3.4.2.   OFFENES DRAMA: „Ganzes in Ausschnitten“
HANDLUNG: Mehrere Handlungsstränge, die auch in sich mehr od. minder stark der Kontinuität entbehren und bloße Ausschnitte darstellen, laufen gleichberechtigt nebeneinander her.(Extrem: Stationentechnik: Handlung aus Abfolge selbständiger räumlich und zeitlich voneinander getrennter Einzelbegebenheiten) Die Einzelszenen werden verknüpft durch:
a)        einander ergänzende (komplementäre) Stränge: Ein Kollektivstrang, der das Thema bzw den Sachverhalt des Stücks enthält, und ein Privatstrang, in dem jener an einem Einzelfall aktualisiert wird, ergänzen und erklären einander.
b)        metaphorische Verklammerung; einzelne Metaphern ziehen sich (leitmotivartig) durch das ganze Stück hindurch.
c)         das „zentrale Ich“: die im Mittelpunkt stehende Hauptfigur. Eine Verbindung wird auch durch Variation, Kontrast, Wiederholung von Ereignissen geschaffen.
ZEIT und RAUM: Das Geschehen erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Die Handlungsorte wechseln dabei häufig. Der Raum charakterisiert und bestimmt das Verhalten der Personen und das Geschehen. Die zeitliche und räumliche Aufsplitterung der Handlung ist Zeichen einer unübersichtlich gewordenen rätselhaften Welt.
PERSONEN: Es gibt keine zahlenmäßige und standesmäßige Beschränkung. Vielfach sind niedere Personen Hauptfiguren des dramatischen Geschehens. Ihr Bewußtseinsstand zeigt eine eingeschränkte Mündigkeit. Sie wissen sich in Zwangssituationen nur durch abrupte Reaktionen zu wehren, da sie kaum Klarheit über ihre eigene Lage gewinnen und von unbewußten Antrieben gedrängt werden. Gegenspieler des Protagonisten ist keine Person, sondern die Welt in der Fülle der Einzelerscheinungen.
SPRACHE: Die Personen sprechen unbeherrschter, konkreter, spontaner als die des 'geschlossenen Dramas' Ihr Sprechen ist augenblicks- und situationsverhaftet. Sprunghaftigkeit des Gedankenfortschritts und Unbeholfenheit der Äußerungen zeigen sich in der Satzkonstruktion: Parataxe, brüchige Hypotaxe (Anakoluth, Satzabbruch, Ellipse usw). Den unterschiedlichen gesellschaft liehen Schichten entspricht die Pluralität heterogener Sprachhandlungen in Prosa (Berufs-, Standessprachen, Dialektfärbungen, sprachliche Stilebenen). Im Dialog reden die Figuren häufig aneinander vorbei.
KOMPOSITION: Die Handlung setzt unvermittelt ein und bricht unvermittelt ab (offener Anfang, offenes Ende). Sie wird weder am Stückanfang ausführlich exponiert (Exposition), noch findet sie am Stückende zu einem eindeutigen Abschluß (Fortsetzbarkeit der Handlung). Analog beginnen oder enden die Szenen (als die wichtigen Formeinheiten des offenen Dramas) oft mitten im Vorgang bzw im Satz. Hierdurch wird der Ausschnittscharakter betont.